11/12/2020 | Event

Unsere ELSI-Partnerin Céline Gressel zu Gast bei der virtuellen Talkshow „Evaluationen in Zeiten von Corona“

Unter welchen Bedingungen können Studien und Evaluationen trotz Pandemie durchgeführt werden? Über diese Frage diskutierten 5 Wissenschaftler*innen im Rahmen des BMBF Vernetzungstreffens „Interaktive Systeme in virtuellen und realen Räumen - Innovative Technologien für ein gesundes Leben“.

Neben den anderen Teilnehmenden: Dr. Anika Heimann-Steinert (Klinik für Geriatrie und Altersmedizin der Charité Berlin), Hr. Frank Schubert (Vorstandsvorsitzender Hospital zum Heiligen Geist in Hamburg), Prof. Simone Kühn (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf) und Prof. Marc Hassenzahl (Dekan der Fakultät Wirtschaftsinformatik Universität Siegen) vertrat Céline Gressel (IZEW Tübingen, Ethik in den Wissenschaften) ethische und sozialwissenschaftliche Aspekte der Diskussion, am Mittwoch, den 2.12.2020.

Die Teilnehmenden der Talkrunde

Gleich zu Beginn der Talkshow diskutierten die Teilnehmer*innen darüber welche Hygienekonzepte sinnvoll umgesetzt werden können und welche Auswirkungen diese Konzepte auf die Forschung der Teilnehmenden haben.

Dabei kamen auch die ethischen Aspekte der Änderung von Studiendesigns auf. Besonders die Frage nach dem Umgang mit Angehörigen der Risikogruppe, wurde kritisch beleuchtet.

So erklärte Céline Gressel, dass bei der Planung und Durchführung von Studien grundsätzlich zu beachten sei, dass Forschung nie so gestaltet werden darf, dass Teilnehmende einem höheren Risiko ausgesetzt sind als sie es in ihrem Alltag wären. Im aktuellen Pandemiegeschehen würden dadurch manche Settings unmöglich. Andere könnten mit nur geringfügigen Modifikationen durchgeführt werden. Dabei läge ein großer Teil der Verantwortung für die Sicherheit der Teilnehmenden bei den Forschenden.

Gleichzeitig warnte Céline Gressel davor, Menschen aus der Risikogruppe systematisch von der Forschung auszuschließen. Der Ausschluss dieser Personen sei besonders vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Risikogruppe zum größten Teil aus Personen besteht, die ohnehin als vulnerable Personengruppen zu verstehen seien.

Angehörige der Risikogruppe müssen besonders geschützt werden.

Das Publikum bestand größtenteils aus Forschenden aus dem Bereich MTI und so drängte sich die Frage auf, inwiefern Studiendesigns, die schon von einer Ethikkommission angenommen wurden, angepasst werden können und ab welchem Grad der Veränderung ein neues Ethikvotum einzuholen sei.

Wie Céline Gressel in Erinnerung rief, werden Ethikvoten eingeholt, um sicherzustellen, dass die Rechte (ethisch wie juristisch) der Teilnehmenden in keiner Weise gefährdet werden. Ferner stellte sie in Frage, ob es genügt, den Ansprüchen einer Ethikkommission zu genügen, da diese nur stark eingegrenzte Aspekte der Forschung beachten können. Grundsätzliche Fragen z.B. danach, wie gerechte Teilhabe gestaltet sein sollte, würden vor diesem Hintergrund gar nicht behandelt.

Pauschale Aussagen, wie stak geplante Studien geändert werden können, ohne ein neues Ethikvotum einholen zu müssen, wollte Céline Gressel nicht machen. Sollte jedoch das Studiendesign grundlegend geändert werden, müsste dies individuell abgeklärt werden. Ganz besonders dann, wenn sich die Gruppe der Teilnehmenden signifikant verändert, wenn andere Daten erzeugt werden oder Daten anders genutzt bzw. verarbeitet werden als urspünglich geplant. Als Faustregel nannte Céline Gressel, dass Sie alles, was in einem Informed Consent Formular erklärt würde, nicht ohne vorherige Absprachen geändert werden sollte.

Des Weiteren wies Céline Gressel darauf hin, dass besonders zu beachten sei, dass die die Aufklärung der Teilnehmenden bei allen Anpassungen nicht zu kurz kommen dürfe. Es sei keine gute Alternative, wenn ein ausführliches Aufklärungsgespräch durch einen Aufklärungsbogen zum selbst lesen ersetzt würde. Die Teilnehmenden brauchten immer die Möglichkeit Rückfragen stellen zu können. Sogar wenn das Aufklärungsgespräch durch eine Videokonferenz ersetzt würde, wäre dabei zu hinterfragen, ob die Teilnehmenden das Gesagte genauso gut wahrnehmen können, wie wenn es nicht medial vermittelt würde.

In einer Abschlussrunde betonten die Teilnehmenden wiederholt, dass die Pandemie eine Herausforderung darstellt, die jedoch auch als Chance angesehen werden kann, alt Eingefahrenes neu zu überdenken und zukunftsfähig neu zu gestalten.